Die Andere Welt

Kapitel 1: Von Kugeln und Bäuchen

„Wo bleibt denn der verflixte Junge? Es ist bereits fünf Minuten nach Mitternacht. Er hätte potzblitzsakramentefixhalleluja schon lange hier sein sollen“, knurrt Bauch. „Und er hatte noch versprochen, auf alle Fälle pünktlich zu sein. Früher, auf Der Anderen Seite, hätte ich alles gegeben, pünktlich zu sein. Ich würde auf der Stelle tot umfallen, wenn ich jemals eine Minute zu spät gewesen wäre!“
„ Auf der Stelle tot umfallen, das ist gut“, lacht Valentin laut und schlägt aus purem Vergnügen so fest auf sein Knie, dass es einfach abfällt. „Oh nein, nicht schon wieder! Das ist nun bereits das dritte Mal diese Woche. Verdammt lästig. Zum Glück bekomme ich das Ganze wieder hin. Hopp! Und wir reden nicht mehr darüber.“ Er pflanzt den Unterschenkel wieder in den Oberschenkel, rüttelt grinsend ein wenig an der Kniescheibe und knack, alles springt wieder ins Glied. „Jesus, Maria und Josef! Muss das denn nun wirklich sein mit dem Knacken?“, würgt Bauch hervor. „Du weißt, dass ich hierauf empfindlich reagiere. Mein Magen dreht sich um, bei diesem Knacken. Kannst du nicht mal einen kleinen Augenblick verschwinden, um deinen Leib wieder zusammenzuflicken?“
Valentin schluckt sein Lachen hinunter und fängt konzentriert an, einen Knoten in seinen Finger zu drehen.
Bauch dreht stöhnend seine 182 kg zu drei Vierteln um, weil er von weitem Hazel ankommen hört, der an seinen unzertrennlichen Freund, die schwarze Kugel, festgekettet ist.

Hazel hat im Laufe der Zeit gelernt, wie er sich am besten mit seinem bleischweren Gefährten zu bewegen hat. Er zieht mit dem rechten Bein, an dem Kugel hängt, kräftig an der Kette, so dass Kugel nach vorne rollt und er selber einen halben Meter nach vorne fliegt.
Toink, zwuuf! Toink, zwuuf! Toink, zwuuf!
„ n’Abend allerseits“ begrüßt Hazel seine Kameraden mit heraushängender Zunge. Der Schweiß tropft den Hals entlang in seinen grün-weiß gestreiften Anzug und läuft aus den Hosenbeinen wieder heraus, direkt in seine Schuhe. Die sieben Kugellöcher in seiner Jacke sind mit der Zeit so groß geworden, dass von der Jacke kaum noch etwas übrig bleibt. „Unser Freundchen noch nicht da?“, fragt er mit hoher Stimme, während er ein wenig Schnodder mit seinem Unterarm abwischt, ein paar Fasern aus der Unterseite seiner Jacke zieht und ungeschickt versucht, sich hinzusetzen. Versucht ..., wobei Kugel, weil er sich zu schnell gedreht hat, mit seinem ganzen Gewicht über die äußerst empfindliche Zehe von Valentin rollt.
„ Jaauuw! Whaa! Hoho..., auwe, auwe!“, jammert Valentin mit Tränen in den Augen. „Du blödes Stück eines Gefangenen! Kannst du nicht gucken, wo du dein miserables Anhängsel herumschwingst! Ich habe gerade erst mein Knie zum dritten Mal in dieser Woche kaputtgeschlagen und nun dies. Und du weißt, wie empfindlich ich an meinen Zehen bin!“ Stöhnend und wimmernd geht Valentin in die Knie und versucht verzweifelt, seine Zehen wieder einzusammeln.
Bauch schaut Hazel vorwurfsvoll an und öffnet gerade den Mund, um ihm eine Standpauke zu halten, als Fußstapfen zu hören sind. „Ist er endlich da?“

Nein.
Es sind zögernde Fußstapfen von glänzenden schwarzen Lederschuhen. Oberhalb davon zeigt sich ein eleganter, aber völlig abgenutzter Maßanzug mit teuren Manschettenknöpfen und gestärktem Kragen. Und darüber ..... nichts.
„ Meine Herren, seien sie gegrüßt!, klingt es tief aus dem Bauch Des Chefs. Ohne Kopf ist es nämlich schwer zu sprechen, und Der Chef hat im Laufe der Zeit Bauchsprechen gelernt. Ein Öhrchen hat, oh Wunder, die Enthauptung überlebt und baumelt an einem Stückchen Sehne über dem Kragen. „Ich habe euch schon von Weitem schimpfen gehört! Ich dachte: lass mich mal nachschauen, was mein Volk so macht! Nun, wie is' es denn so mit euch gestellt?“, fragt Der Chef freundlich, während er eine stolze Haltung einnimmt: Füße ein wenig auseinander, rechte Hand am Revers, linke mit einem weißen Taschentuch hinter dem Rücken.
Bauch, Hazel und Valentin schauen sich an, grinsen und entscheiden mit einem kleinen Kopfnicken, auch diesmal das Spielchen mitzuspielen. Irgendwann muss Der Chef mal Bürgermeister, Feldmarschall oder sogar Kaiser gewesen sein. Auf alle Fälle jemand mit unglaublich viel Macht.
Leider weiß er das selbst nicht mehr, weil er mit seinem Kopf natürlich auch sein Hirn verloren hat. Er weiß nicht mehr, wer er war oder was er früher getan hat. Er hat keine Vergangenheit. Zum Glück ist er völlig harmlos und ungefährlich, deshalb lassen sie ihn gerne in dem Glauben, dass er der Boss ist.
„ Ach, Der Chef! Uns geht’s gut. Danke“, antwortet Bauch mit einem höflichen Kopfnicken, was Der Chef natürlich nicht sehen kann. „Was für eine Freude, dass Sie sich unter das niedere Volk begeben. Meine Kameraden und ich warten auf unseren kleinen Freund. Erinnern Sie sich noch? Er war gestern noch hier.“
„ Aber natürlich weiß ich das noch!“, antwortet Der Chef ein wenig pikiert. „Meinen Sie, dass ich so schnell vergesse?“
Der Hintern vom Chef macht sich bereit, sich direkt in eine kleine Pfütze zu setzen. Valentin ohne Zehe und Hazel mit der Kugel sehen dies vor ihren Augen geschehen, kommen aber zu spät, um die Katastrophe zu verhindern. Ganz ruhig schwenkt Der Chef den Schwalbenschwanz seines Fracks nach hinten und platziert seinen Hintern genau in der Pfütze. Es dauert einige Sekunden, bis das Wasser seine Pobacken erreicht und eine warme Glut in seiner Hose verbreitet.
Atemlos warten die drei Kumpanen, bis er fluchend hochspringt, aber es passiert nichts dergleichen. Im Gegenteil, der Hintern bewegt sich gemütlich hin und her und ein kleiner genüsslicher Seufzer verlässt den Bauch. Die drei schauen sich verdutzt an und drehen wie „ein Mann“ den Kopf als sie von Weitem die Stimme von Karl dem Glückspilz Junior hören.

Gejagt von einem Rudel Straßenhunde mit besonders schlechtem Charakter, kommt der laut quiekend wie ein Ferkel auf die vier zugelaufen. Die Hunde greifen ihn an und beißen in seine Waden. Die herausgerissenen Fleischstückchen lassen sie wohlweißlich auf den Boden fallen. Sie mögen noch so einen Hunger haben, dieses Fleisch rühren sie auf keinen Fall an. Mit einem großen Sprung schwenkt Karl sich hinter Bauch, umklammert nur ein Stückchen seines gewaltigem Körpers und bleibt - zitternd wie eine Jungfer - hinter Bauch hocken.
Die Biester haben Angst vor Bauch, bleiben einen kurzen Moment in sicherem Abstand knurrend stehen, ziehen kurze Zeit später aber wieder ab.
„ Danke schön, Bauch, danke schön. Wenn ich jemals etwas für dich tun kann ...“, dankt Karl seinem Retter, während er klapprig zitternd wieder hochkommt.
Vom Rennen ist sein Mund staubtrocken, seine krummen Beine zittern. Genau wie sein Vater, Karl der Erste, hat er immer Lust auf ein Gläschen. Oder zwei. Oder drei.
„ Nun, einen herrlichen kleinen Cognac würde ich nicht verschmähen. In einem echten Kristallglas, perfekt eingeschenkt. Du weißt schon, dass der gute Tropfen, wenn du das Glas auf die Seite legst, gerade so bis an die Kante reicht. Und dann mit einem Schluck diese Wohltat in sich hineinfließen lassen.“ Laut sinnierend über seine große Passion, stolpert Karl über Kugel, über ein paar von Valentins Zehen und über die geputzten Lederschuhe vom Chef. Stöhnend und fluchend setzt er sich auf einen ausgeschliffenen, seiner Größe perfekt angepassten riesigen Kieselstein. Eine Taube fliegt über ihn hinweg und lässt bewusst einen kleinen Klecks Scheiße auf seinen Kopf fallen. Mit seinen Gedanken noch bei dem verbotenen Cognac-Genuss, reibt er den Vogeldreck lässig noch etwas tiefer ein. Tiere mögen Karl nicht, überhaupt nicht. Sein Körpergeruch verjagt sogar Ratten, obwohl diese doch einiges gewohnt sind.
Bauch, Valentin und Karl schauen sich gegenseitig sprachlos an. Was werden sie heute Nacht noch alles erleben?
„ Sag mal, wo ist eigentlich unser kleiner Freund geblieben?“, fragt Karl „Ich dachte, er würde sich um Mitternacht hier einfinden.“ Inzwischen war es durch all' diese Umstände bereits halb eins geworden.
„ Es ist eigenartig“, meint Bauch, und überhaupt nicht seine Art. Soll ich vielleicht ein kleines Wölkchen auf Erkundungsfahrt schicken?“
„ Ja, tu das, Bauch, dann geh‘ ich inzwischen auf die Suche nach meinem großen Zeh“, antwortet Valentin, der auf Händen und Füßen zwischen den Zargen herumkriecht.
Bauch holt tief Luft, bläst mit runden Wangen eine durchsichtige Atemwolke heraus, fängt sie mit seinen Handflächen auf und flüstert ihr eine kleine Botschaft zu. Vorsichtig lässt er das Wölkchen wieder frei, und es entschwebt in Richtung Der Anderen Seite.

Kapitel 2: Die Andere Seite

Auf Der Anderen Seite brennt noch eine kleine Lampe, die von Remi. Der hat sich so in sein Lieblingsbuch vertieft, dass er die Zeit ganz und gar aus den Augen verloren hat.
1997 FX11 durch Dr. Prof. Doktorandus Luna: Franziskus, Geronimus, Alfredus, Norbertus, Malpertus, Bonifikandus, Xanzerius, Theodosius, Sanseverianus Luna. Mit so einem Namen kannst du nichts anderes als ein Doktor Professor Doktorandus werden, findet Remi.
Der FX11 ist ein Meteorit, der schon mal an der Erde vorbeigerauscht ist und für das Jahr 2028 erneut erwartet wird. Dann wird er in 960.000 km Entfernung vorbeisausen - das ist der zweimalige Abstand vom Mond zur Erde.
Das klingt beruhigend, aber Luna denkt ganz anders darüber. Seiner Meinung nach ist das Ende der Welt nahe herbeigekommen. Die Dinosaurier haben den berühmten Einschlag vor 65 Millionen Jahren auch nicht überlebt. Für uns ist die Gefahr 1 zu 10 Millionen, dass wir innerhalb der nächsten 40 Jahre durch einen solchen Meteoriten am Ende sind. Der braucht nur mal einen Kilometer Durchmesser zu haben, um so eine Staubwolke zu verursachen, dass wir bei mangelndem Sonnenlicht alle über den Jordan gehen!
Remi ist an der vorletzten Seite angelangt. Die Stunde der Wahrheit bricht an! Er muss einfach wissen, wie das Ende aussieht.
Plötzlich fühlt er einen heißen Windstoß im Nacken und erschreckt sich gewaltig. Die kleine Wolke kriecht in sein linkes Ohr und fliegt auf der anderen Seite seines Kopfes leer heraus. Mit roten Augen vom konzentrierten Lesen schaut Remi auf seinen Sputnikwecker und fällt vor lauter Schrecken aus dem Bett.
„ Jesus, bereits halb eins! Bauch wird wieder böse sein. Er kann’s absolut nicht haben, wenn ich zu spät bin!“, sagt er leise zu sich selbst. Schnell zieht er seine Schuhe unterm Bett hervor, schaut vorsichtig ins Schlafzimmer seiner Mutter, um zu kontrollieren, ob sie wohl schläft, und klettert dann aus dem Fenster.
Eine paar mutige Sterne trotzen dicken Wolkenformationen. Der Mond liegt auf der Seite und schläft. Remi passt auf, wohin er seine Füße setzt, um nicht auf abgebrochene Äste zu treten. Der Boden ist mit einer glatten, nassen Blätterschicht bedeckt. „Vorsicht!“ Er mag nicht daran denken, dass seine Mutter wach werden könnte. Er kann ihr noch nicht die Wahrheit erzählen. Jetzt noch nicht.
Ü ber die Jahre hinweg haben verschiedene Moossorten den Boden bedeckt und auch die Mauer erklommen. Wenn es - wie an diesem Tag - zuerst geregnet und dann gefroren hat, ist der Boden glatt wie eine Eispiste. Es ist der kälteste September seit langem. Es liegt sogar eine dünne Schneeschicht! Remi wartet bis die Sterne ein wenig mehr Licht geben, spuckt flink in die Hände und ergreift kräftig den untersten Ast der 100-jährigen Eiche. Dieser fühlt sich fies und glitschig an, wie tausend Schnecken nebeneinander. Mühsam arbeitet sich Remi von Ast zu Ast nach oben.

Zwei Eichhörnchen stecken neugierig ihren Kopf nach draußen. Beinahe in der Baumspitze angelangt, lässt Remi sich auf seinem Bauch über einen dicken Ast gleiten und springt auf die obere Leiste der Mauer. Er balanciert kurz auf den schmalen, bröckeligen Backsteinen, geht in die Knie und verschwindet in Der Anderen Welt.

Vor ein paar Tagen hätte Remis Mutter das große Geheimnis beinahe entdeckt. Es war so ein traurig-nasser Herbsttag, der sich nicht anders als auf ein schweres Gewitter hin hätte entwickeln können. Die Lichter hatten bereits seit Mittag gebrannt, und das Licht in Remis Schlafzimmer brannte noch immer, als seine Mutter zu Bett ging. Nun, das passiert wohl öfter, wenn er in seine Raumfahrtlektüre vertieft ist.
„ Schlaf gut, mein Junge. Ich gehe jetzt schlafen. Versprichst du mir, das Licht vor Mitternacht auszuschalten? Morgen musst du um 7.00 Uhr zur Schule raus, vergiss es nicht! Und schließ dein Fenster gut zu bei diesem Gewitter“, sagte sie an der geschlossenen Tür seines Schlafzimmers.
„ O.k., Mutter! Ich lese noch dieses Kapitel zu Ende und krieche dann auch unter die Decke. Schlaf gut“, antwortete er gedämpft.
Einen Augenblick war sie geneigt, die Tür zu öffnen, um ihm einen Gutenachtkuss zu geben, aber das fand er seit kurzer Zeit nicht mehr ganz so lustig. Also ließ sie es bleiben. Sie schloss auch ihre Schlafkammertür zu, nahm extra eine halbe Schlaftablette, um bei dem starken Gewitter schlafen zu können und rutschte bald tief ins Traumland.

Am nächsten Morgen wusste sie nicht, wie ihr geschah. Die kleinen gelben Pünktchen in Remis Augen flackerten wie Gold, als er sie durch seine widerspenstigen Locken lachend anschaute. Er neckte sie wegen ihrer Antifaltencreme, die noch wie eine dicke Schicht unter ihren Augen saß und verließ pfeifend das Haus Richtung Schule. So was hatte sie noch nie erlebt!
Neugierig ging sie nach oben in sein Schlafzimmer. Auf dem blauen Teppich befanden sich deutliche Erdspuren. Eine wilde Katze?
Es lag eine halbe Bibliothek auf seinem Bett verteilt, und das Fenster stand einen kleinen Spalt auf.
„ Wie eigenartig. Draußen friert es beinahe. Und dann das schrecklich kalte Wetter der letzten Tage ... Schnee im September. Nanu! Er wird das Fenster doch wohl nicht die ganze Nacht offen gelassen haben! Und all das Getue über Raumschiffe. Bald glaubt er auch noch echt daran“, murmelte sie, während sie aus dem Fenster in Richtung Friedhof schaute.
Im Garten lagen einige vom Unwetter abgerissene Zweige und Äste. Sonst sah alles friedlich aus.
Wenn sie wüsste ...

Die nächste Nacht waren Remis Mutter leider die Schlaftabletten ausgegangen. Sie konnte dann auch keinen Schlaf finden und hörte etwas im Garten, so, als würde jemand herumlaufen.
Eigentlich unmöglich, weil der Garten an drei Seiten von einer Mauer umgeben ist. Links und rechts haben sie Nachbarn. Die an der rechten Seite sind nette Leute, die nachts sicher nicht im Garten herumrennen; die von links sind zwar ein anderes Kaliber, aber nachts draußen herumlaufen, nee, das ist auch nicht ihr Stil, und hinter der hinteren Mauer liegt der Friedhof.
Mit angehaltenem Atem spähte sie durch die Gardine. Ihr warmer Atem hinterließ ein kleines Muster auf der kalten Fensterscheibe. Sie sah eine Silhouette, die sich mit einem gekonnten Schwung auf die Friedhofsmauer fallen ließ, aber ohne ihre Brille konnte sie dies nicht allzu gut sehen.
„ Ach, es wird wohl eine Katze gewesen sein. All' die Filme, die man heutzutage im Fernsehen sieht, tragen auch dazu bei. Viel zu viel Fantasie“, stöhnte sie schläfrig.
Sie kroch wieder ins Bett, wo sie noch einige Stunden lang wach lag. Als sie dann endlich in den frühen Morgenstunden eingeschlafen war, träumte sie von pechschwarzen, menschengroßen Katzen, die in ihrem Gewächshaus wohnten, und von unsichtbaren Türen in ihren Gartenmauern.

Am nächsten Morgen lag wieder Erde auf Remis Teppich. Nun wollte sie es wissen.
„ Remi", platzte sie mit der Tür ins Haus, „wie kommt es, dass deine Schuhe voller Erde sind? Und deine neue Jacke ist ganz nass. Stellst du nachts Dinge an, die ich wissen müsste? Du weißt doch, dass du mir alles erzählen kannst, Liebling ...“
Remi ließ seine Tasse mit warmer Milch beinahe fallen und schaute schnell auf die Tischdecke, um seinen Schrecken zu verbergen.
„ Oh, oh. Sie vermutet etwas. Verdammt noch mal. Ich hätte es wissen müssen! Blöd! Blöd! Blödes Huhn, das ich doch bin!, verfluchte er sich selbst. Er nahm noch einen Schluck Milch, um etwas Zeit zu gewinnen. Nur, seine Mutter war nicht von gestern. Wie sollte er sich aus dieser Situation retten?
„ Nun, Mutter, es ist so, dass ... ja, euh, wie soll ich es sagen ..., der Lehrer in Naturwissenschaft, du weißt schon, genannt Herr Botanique, der vor dem .....“. Zum ersten Mal in seinem Leben kam Remi nicht aus dem Stottern heraus. „Er sagte also ...., Herbarium, genau, das sagte er!“, beendete Remi seine unverständliche Erklärung und stieß einen Seufzer aus.
Aber seine Mutter schaute ihn fragend an und hatte auf alle Fälle nichts verstanden. Sie sah zwar wieder besonders lustig aus, so mit der Antifaltencreme unter den Augen, aber diese Augen standen nicht gerade auf „Lustig“. Also überlegte er schnell weiter.
„ Ein Herbarium. Das ist unsere nächste Aufgabe für Biologie. So eine Sammlung getrockneter Pflanzen, und die müssen wir dann einkleben und benennen. Es gibt dafür 20 Punkte bei der Prüfung“, erfand er gerade, weil seine Mutter für gute Noten ziemlich empfänglich war. Er schaute sie hoffnungsvoll an, stellte aber fest, dass sie sich noch nicht geschlagen gab.

„Ein Herbarium also, hmm, hmm ...“, überlegte seine Mutter laut. „Okay, aber wäre es denn nicht etwas einfacher, wenn du die Pflanzen sammeln würdest, bevor es dunkel wird? Dann siehst du wenigstens, was du da pflückst.“
Das saß. Remi schaute wieder auf die Tischdecke, als wäre dort die richtige Antwort zu finden, was auch tatsächlich so war. Die Götter waren ihm heute wohlgesonnen.
„ Das würdest du auf den ersten Blick denken, nicht wahr?“, räusperte er sich und sprach überzeugt weiter: „Manche dieser Pflanzen musst du nachts pflücken, um das Aroma zu erhalten. Und nachts haben die Pflanzen mehr Wasser, so dass man sie farbenreicher trocknen lassen kann“. Er glaubte beinahe selbst, was er da erzählte. Seine Mutter anscheinend auch, weil ihre Augenbraue etwas herabsackte - ein Zeichen, dass sie nicht mehr so misstrauisch war.
Aber sie hatte den absoluten Tiefschlag bis zuletzt aufbewahrt.
„ Okay, mein Junge, ich glaub’s. Darf ich dann mal eben deine Sammlung von heute Nacht sehen?“, fragte sie gespielt freundlich. Sie hatte inzwischen ihre Arme vor der Brust verschränkt und trommelte ungeduldig mit ihren langen Fingernägeln auf den Ärmeln ihrer Strickjacke.
„ Kling!, peng!“, da ging die Tasse mit Milch zu Boden. Das war der Tiefschlag. Verdutzt schaute Remi noch einmal auf die Tischdecke, aber von dort war diesmal keine Hilfe mehr zu erwarten. Schnell nahm er ein Tuch, um die Milch aufzuwischen und dachte dabei rasend schnell nach, welche Ausrede er noch gebrauchen könnte.
„ Gerne, Mutter!, antwortete er, während er die tausend Splitter der runtergefallenen Milchtasse zusammenfegte. „Aber es gibt nur ein Problem. Alles liegt zum Trocknen in einem alten Telefonbuch im Keller. Und dort muss es eine Woche lang in absoluter Dunkelheit liegen bleiben, sonst misslingt mein Projekt ... Die Säfte und Aromen, du weißt schon. Aber ich verspreche dir, dass du die Erste bist, die mein Herbarium zu sehen bekommt!“
Er schnappte seine Schultasche und lief hastig zur Tür.
„ Ich muss nun wirklich gehen, Mutter. Du weißt, wie der Mathelehrer ist, wenn wir zu spät kommen. Bis heute Abend!“ Remi verlies kichernd und stolz auf sich selbst das Haus und ging in Richtung Schule. Er wusste nämlich, dass seine Mutter Todesängste vor Spinnen hatte und niemals auf eigene Faust den Keller betreten würde, weil es dort eine Menge davon gab.
Und er hatte recht. Er hatte einstweilen seine Haut gerettet. Sein großes Geheimnis hatte er bewahren können. Seine Freunde aus Der Anderen Welt hatte er von neugierigen Müttern fernhalten können. Aber wie lange würde er das noch durchhalten?

Der zwölfjährige Remi ist von Sternen und Raumschiffen fasziniert. Sein Leben verändert sich, als er eines Tages das Magische Manuskript des bereits vor einem halben Jahrhundert verstorbenen Astronomen Alfa Scimmia in die Hände bekommt.
Während er tagsüber normal zur Schule geht, erlebt er nachts fantastische Abenteuer mit fünf Lebenden Toten: einem Ex-Seeräuber, einem superromantischen Troubadour, einem Körper ohne Kopf und deshalb auch ohne Hirn, einem Gefangenen und einer eleganten Kanalratte.
Sie lieben es, zu feiern und zu trinken, erzählen liederliche Lebensgeschichten und liegen sich ständig in den Haaren. Remi hält sich nächtelang in Der Anderen Welt auf.

Sabine De Vos debütierte 1998 mit dem Bündel Kurzgeschichten Godin van de wieg.
Die Presse schreibt:

„Dass Sabine De Vos schreiben kann, beweist sie in Godin van de wieg, einem lustigen Kinderbuch (...), einer mitreißenden und exotischen Mischung harter Wirklichkeit und traumhafter Fiktion.
- Humo

„Ihr Debüt als Jugendschriftstellerin zeugt auf Anhieb von ihrem großen Talent“
- Standaard der Letteren